DiGA helfen im Alltag, sind aber teuer
BERLIN. Apps auf Rezept sollen Patient*innen im Alltag unterstützen: bei Adipositas und/oder Diabetes sowie weiteren Diagnosen. Doch wie hilfreich sind DiGA wirklich, z. B. im Ernährungsbereich? Und können sie vielleicht sogar Essstörungen wie eine Orthorexie provozieren, weil sich Menschen, die eine solche DiGA nutzen, durch das integrierte Tracking zwanghaft auf ihre Nahrung fixieren?
Seit 2020 sind sie auch auf vielen deutschen Smartphones zu finden: digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA). Nach dem DiGA-Bericht des GKV-Spitzenverbands werden die Apps auf Rezept inzwischen vielfach genutzt. 1,6 Mio. DiGA wurden zwischen September 2020 und Dezember 2025 verordnet. Die Kassen kosteten sie in diesem Zeitraum rund 400 Mio. Euro. Im Vergleich zum Vorjahr wurden die Apps zudem um 63 % mehr beansprucht.
Knapp 60 DiGA stehen Ärzt*innen zur Wahl
„Die Bedeutung der Apps auf Rezept in der Versorgung wächst“, betont Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands. Denn sie werden nicht nur mehr verordnet – auch über die Hälfte der Anwendungen, die zunächst nur zur Erprobung in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen wurden, konnte sich später dort dauerhaft einen Platz sichern.
Was den Krankenkassen allerdings nicht passt: Sie sind dazu verpflichtet, diese Apps in den GKV-Leistungskatalog aufzunehmen – auch ohne Nutzennachweis, und müssen sie dann zu „beliebig hohen Herstellerpreisen“ finanzieren, so Stoff-Ahnis. Auffällig sei auch, dass zuletzt immer mehr DiGA wieder aus dem Verzeichnis gestrichen wurden, weil deren Hersteller im Verlauf keinen Nutzen für die Versorgung nachweisen konnten.
Seit ihrem Start vor knapp sechs Jahren wurden insgesamt 74 DiGA in das Verzeichnis aufgenommen. 16 Anwendungen wurden mangels Nutzen daher wieder komplett aus dem Leistungskatalog gestrichen. Ende 2025 enthielt die Liste nur noch 58 DiGA. Ein solches Hin und Her bleibt nicht ohne Folgen: Sowohl Ärzt*innen als auch Patient*innen reagierten darauf zum Teil skeptisch. „Ein klarer, frühzeitig nachgewiesener Patientennutzen ist und bleibt der Schlüssel für den Erfolg von digitalen Gesundheitsanwendungen“, findet die Vorstandsvorsitzende.
Digitale Helfer kosten im Schnitt bis zu 544 Euro
Die Apps sind zudem teuer – sie liegen zwischen 119 und 2.077 Euro. Obendrein stiegen deren Preise über die Jahre deutlich. 2020 kostete eine DiGA im Schnitt 411 Euro pro Quartal, fünf Jahre später bereits durchschnittlich 544 Euro. Für 40 Anwendungen wurden zwischenzeitlich allerdings deutlich niedrigere Preise von im Schnitt 227 Euro verhandelt.
Wie nützlich sind die digitalen Helfer dann, vor allem im Bereich Diabetes und Adipositas? Weil beim Typ-2-Diabetes – wie auch bei adipösen Patient*innen – vor allem Lebensstiländerungen im Fokus stünden, seien hier Apps wie Glucura oder Una Health „sicher sinnvoll“, sagt Professor Dr. Bernd Kulzer, Leiter des Forschungsinstituts der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (FIDAM). Die Patient*innen nutzen bei dieser DiGA ein CGM-System über drei Monate. „Die CGM-Daten können ausgewertet werden und die Patient*innen erhalten ein Biofeedback. So bekommen sie ihr Ernährungsverhalten sehr gut rückgespiegelt“, findet er.
Zwar hält Prof. Kulzer den Einsatz dieser Anwendungen bei Typ-2-Diabetes mit oder ohne Insulin für zweckmäßig, aber mit einem Preis zwischen knapp 500 und 740 Euro auch für teuer. „Die Frage ist, ob nicht ein CGM allein ohne diese Auswertung schon fast ähnliche Effekte erreichen kann“, meint er. Besonders wenn man die hohe Zahl an Menschen mit Typ-2-Diabetes in Deutschland betrachte. „Das wird teuer, wenn die gesetzlichen Kassen diese DiGA bezahlen sollen.“ Solche Anwendungen sollte man daher „nicht wie Kamellen unters Volk bringen, sondern muss sie sehr zielgerichtet einsetzen bei Patient*innen, die am ehesten davon profitieren“.
Digitale Gesundheitsanwendungen bei Adipositas und Typ-2-Diabetes Im Adipositasbereich gibt es zwei Apps: die DiGA Oviva Direkt, die eine Änderung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens bei Adipositas unterstützt. Und Zanadio, die dauerhaft für Adipositas Grad I/II mit Ernährungs- und Verhaltenscoaching gelistet ist. Glucura wiederum ist eine DiGA für Menschen mit Typ-2-Diabetes. Sie ist als App-basierte Lebensstilintervention mit CGM-Daten, Ernährungstagebuch und personalisierten Ernährungsanpassungen konzipiert. Diese DiGA betrachtet die Ernährung mithilfe von CGM. Auch Una Health nutzt ein CGM-System und sieht eine tägliche Therapiebegleitung zu Ernährung und Verhaltensänderung vor. Diese App wurde jedoch zwischenzeitlich von der DiGA-Liste gestrichen, weil der Hersteller offenbar den geforderten Wirksamkeitsnachweis für eine dauerhafte Aufnahme zunächst nicht ausreichend erbringen konnte. Seit Juni ist die Anwendung aber wieder gelistet, allerdings nur vorübergehend. Die App Vitadio wiederum unterstützt Lebensstil und Selbstmanagement bei Typ-2-Diabetes ohne CGM-Sensor. Dauerhaft auf der Liste steht zudem die DiGA Hello Better Diabetes für Typ-1- und Typ-2-Diabetes. Bei Mebix handelte es sich um eine DiGA mit Ernährungstagebuch für Typ-2-Diabetes. Sie wurde jedoch im Juli 2025 aufgrund ihres fehlenden Versorgungseffekts wieder aus dem Verzeichnis gestrichen. |
Christiane Birx, Diabetesberaterin DDG und Adipositasberaterin DAG-DDG in einer Haaner Schwerpunktpraxis, betreut viele Patient*innen mit Diabetes-Neumanifestationen oder nach erfolgter Erstdiagnose.
„DiGA eignen sich besonders für motivierte Personen als Unterstützung, um bei ihrer Therapie am Ball zu bleiben“, betont sie. Die Apps auf Rezept werden in ihrer Praxis vielfach eingesetzt, etwa um Menschen, die kurz vor einer Insulintherapie stehen, „die Chance zu geben, ihr Ernährungsmuster so zu verändern, dass sie gegebenenfalls kein Insulin benötigen“, erläutert sie.
Selbst motivierte Betroffene wüssten aber oft nicht, wo genau sie mit ihrem Diabetesmanagement anfangen sollten, seien dadurch „häufig überfordert“, so Birx.
Die Erstverordnung einer DiGA dauert in der Regel 90 Tage. Die meisten Ärzt*innen verschreiben die digitalen Anwendungen aber lediglich über diesen Zeitraum und nicht länger. „Wenn Patient*innen zu uns sagen: ,Die App hat mir geholfen und ich habe viel gelernt‘, dann gibt es eine Weiterverordnung von bis zu einem Jahr – mit neuen Inhalten, die auf dem Erlernten aufbauen“, führt sie an.
Bei Lifestyle-Apps immer vorsichtig sein
Dass digitale Gesundheitsanwendungen Essstörungen verstärken oder sogar provozieren könnten, wie etwa eine Orthorexie, weil die Nutzer*innen ihre Werte permanent auf dem Handy-Display nachkontrollierten, sehen Prof. Kulzer und Christiane Birx eher nicht. Dies sei auch nicht durch Studien belegt. Die Gefahr lauere vielmehr in Ernährungs- und Lifestyle-Apps, die man sich binnen weniger Sekunden aufs Mobiltelefon laden könne. „Das sind meist reine Algorithmen mit Bewegungs- und Ernährungstracking. Dabei geht es nur ums Datensammeln. Das Risiko, dass sich die Patient*innen von solchen Apps komplett abhängig machen, ist schon vorhanden – besonders bei eher labilen Persönlichkeiten“, betont Birx.
Für krankhaft übergewichtige Personen sind inzwischen die beiden Adipositas-Apps Oviva Direkt und Zanadio als DiGA gelistet, die nachweislich beim Abnehmen helfen und die Lebensqualität verbessern sollen. Bis heute nicht gestartet ist allerdings das DMP Adipositas. Zwar wurde es 2024 beschlossen, noch ist es aber in keiner KV-Region umgesetzt.
Häufig sei eine DiGA für Betroffene daher die einzige niedrigschwellige Option, um zumindest kurzfristig eine leitliniengerechte Therapie zu erhalten, erklärt der Münchner Ernährungsexperte Professor Dr. Hans Hauner. Doch selbst bei einer möglichen Weiterverordnung nutzt laut DiGA-Bericht des GKV-Spitzenverbands die Mehrheit von ihnen (83 %) die App auf Rezept nach den 90 Tagen nicht nochmals.
Angela Monecke