Keine ziemlich besten Freunde
BERLIN. Sarkopenie im Alter ist ein multifaktorielles Geschehen. Die große Frage ist: Was geschieht, wenn Ältere, ob mit oder ohne GLP1-Rezeptoragonisten, an Gewicht verlieren?
(Kopie 1)
Ältere Menschen sind besonders vulnerabel für einen Muskelverlust, sagte Professorin Dr. Kristina Norman, DIfE Potsdam-Rehbrücke (Abt.Ernährung und Gerontologie) und Charité Berlin. Im Alter komme es in der Regel zu einer Zunahme der Fettmasse und einer progredienten Abnahme der Muskelmasse. Sarkopenie im Alter sei „immer ein multifaktorielles Geschehen“ und bedürfe einer multimodalen Therapie.
Die Abnahme der Skelettmuskulatur verlaufe im mittleren Alter „schleichend“ und etwa ab 70 Jahren schneller. Prädiktiver sei allerdings die Abnahme der Muskelkraft, die „eine etwas andere Dynamik“ habe, mit einem deutlich schnelleren und ausgeprägteren Verlauf ab etwa dem 70. Lebensjahr. Sarkopenie trete auch häufig zusammen mit Diabetes und Adipositas auf, mit „teils überadditiven Wechselwirkungen zwischen den Entitäten“.
Bei älteren Menschen mit Adipositas bestehe daher ein Behandlungsdilemma, denn der erforderliche Gewichtsverlust gehe fast immer mit einem Verlust an Muskelmasse einher. Umgekehrt adressierten Maßnahmen, die auf die Muskelmasse zielen, nicht im selben Ausmaß die Reduktion der Fettmasse. Prof. Norman wies darauf hin, dass die absolute Muskelmasse bei Adipositas oft höher sei als bei Personen mit Normalgewicht, daher sei es wichtig, zu unterscheiden, ob bei einem Gewichtsverlust eine adaptive Abnahme der Muskelmasse entsprechend der Gewichtsabnahme vorliege oder ob die Muskelmasse in Relation zum Körpergewicht sinke (maladaptive Abnahme). Ein weiterer wichtiger Aspekt: Trotz mehr Masse ist die Muskelqualität bei Personen mit Adipositas durch Fettinfiltration beeinträchtigt, daraus resultiert eine geringere Muskelkraft im Alter.
GLP1-RA: Risiko für Muskelmasse-Verlust wahrscheinlich erhöht
Unter GLP1-Rezeptoragonisten (GLP1-RA) ist ein Verlust der Fett- und Magermasse bekannt, wobei letzterer sich in den Studien als sehr variabel gezeigt habe, so Prof. Norman. Von einem Magermasse- könne zudem nicht einfach auf einen Muskelmasseverlust geschlossen werden, sodass sich der Effekt auf die Skelettmuskulatur schwer beurteilen lasse.
Die GLP1-RA-Zulassungsstudien schlossen zumeist keine älteren Teilnehmenden ein und wurden ohne explizite Sarkopenie-Kriterien durchgeführt. Es gebe keine klinischen Studien mit GLP1-RA, die Strategien zum Erhalt der Muskelmasse und -kraft bei älteren Menschen kombinierten, so sei keine abschließende Aussage möglich. Allerdings zeige die SURPASS3-Studie, dass bei verschiedenen Dosierungen von Liraglutid und Tirzepatid das Muskelvolumen zwar abnahm, es aber auch zu einer Abnahme der Muskel-Fett-Infiltration kam. In SURPASS 3 wurden zudem die Altersgruppen „unter 60 Jahren“ und „über 60 Jahre“ verglichen. Zusammenfassend müsse man davon ausgehen, dass Ältere „dann doch die Gefahr eines übermäßigen Verlusts der Skelettmuskelmasse haben“.
Der Goldstandard bei Prävention und Therapie von altersassoziierter Sarkopenie ist progressives Krafttraining, so Prof. Norman. Bei gleichzeitiger Ernährungsintervention lasse sich insbesondere bei den Kraftparametern eine Effektverstärkung erreichen. Während einer Gewichtsabnahme sei bei älteren Menschen mit Adipositas ein kombiniertes Kraft- und Ausdauertraining angesagt.
| Achtung: Auch das Durstgefühl lässt nach Professor em. Dr. Manfred Müller, Kiel, begrüßt, dass das „Craving“ für „ungesunde“ Lebensmittel unter einer Therapie mit Inkretinrezeptoragonisten (IRA) sinkt. Nicht nur das Verlangen nach Süßigkeiten und fett-/energiereichen Snacks nehme IRA-therapiebedingt ab, sondern insgesamt das „Interesse an Essen und Lebensmitteln“ und der Alkoholkonsum sinke. Mitunter würden Mahlzeiten ausgelassen, weil die „Emotionalität“ verloren gehe. In einem Zeitraum von zwölf Monaten seien bei 17 % bis 25 % der Patient*innen unter IRA-Therapie Ernährungsdefizite festgestellt worden. Daneben gelte es, die häufigen gastrointestinalen Nebenwirkungen im Blick zu behalten, insbesondere Übelkeit, Diarrhöe, Erbrechen, Obstipation, außerdem gastroösophagealen Reflux (GERD) sowie ein reduziertes Durstgefühl, das zu einer verminderten Flüssigkeitszufuhr führen könne. Als Fazit mahnte Prof. Müller: „Sie müssen sich kümmern“ und die IRA-Therapie ernährungsmedizinisch begleiten. |
Goldstandard für den Erhalt der Muskeln: Training und Proteine
Eine adäquate Proteinzufuhr sei essenziell für Aufbau und Erhalt der Skelettmuskulatur. Wie die Expertin erläuterte, führt eine gleichmäßig über den Tag verteilte Proteinzufuhr zu einer besseren Muskelproteinsynthese und einem geringeren Muskelproteinabbau. Zur Nährstoffsupplementation zur Verbesserung der Muskelkraft bei älteren Menschen über den Bedarf bzw. den Ausgleich eines Mangels hinaus liege nur eine eingeschränkte Evidenz für Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren und Kreatin aus zumeist kleinen, heterogenen Studien vor. Als pharmakologische Option zum Muskelerhalt bei Älteren nannte Prof. Norman den Acitivin-Typ-2-Rezeptoragonisten Bimagrumab.
Dr. Karin Kreuel
Diabetes Kongress 2026