60. Diabetes Kongress

Stammzellforschung könnte Behandlung von Typ-1-Diabetes verändern

15.05.2026

Forschenden ist es gelungen, aus Stammzellen gewonnene insulinproduzierende Zellen funktionell bei Menschen mit Typ-1-Diabetes einzusetzen. Erste klinische Studien zeigen, dass transplantierte Betazellen auf Schwankungen des Blutzuckers reagieren und die Glukosekontrolle verbessern können. In einzelnen Fällen wurden Patientinnen und Patienten zeitweise unabhängig von externen Insulingaben. Darauf weist die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) anlässlich ihres Diabetes Kongresses 2026 hin, der bis 16. Mai 2026 hybrid in Berlin und online stattfindet. Sie erwartet insgesamt etwa 6000 Teilnehmende aus Forschung, Klinik und Praxis. Auf der Kongress-Pressekonferenz heute, Freitag, den 15. Mai 2026, stellt Kongresspräsidentin Professorin Dr. med. Barbara Ludwig Chancen, Risiken und offene Fragen dieses neuen Therapieansatzes vor.

Bei Menschen mit Typ-1-Diabetes greift das eigene Immunsystem die insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse an und zerstört diese. Wer mit der chronischen Stoffwechselerkrankung lebt, muss daher lebenslang Insulin zuführen und auf seine Glukosewerte achten. Seit Jahren arbeitet die Forschung daran, diese Zellen zu ersetzen oder ihre Funktion zu erhalten. „Der stammzellbasierte Betazellersatz eröffnet erstmals die Perspektive, die körpereigene Insulinproduktion bei Menschen mit Typ-1-Diabetes wiederherzustellen“, erklärt Professorin Dr. med. Barbara Ludwig, Kongresspräsidentin des Diabetes Kongress 2026. Sie leitet die Abteilung klinische Inseltransplantation und Laborleitung der Medizinischen Klinik III am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. „Damit geht die Entwicklung über eine reine Behandlung der Symptome der Erkrankung hinaus.“

In den vergangenen Jahren hat die Forschung deutliche Fortschritte gemacht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können inzwischen aus pluripotenten Stammzellen insulinproduzierende Zellen herstellen, die nach einer Transplantation funktionell aktiv bleiben. Studien deuten darauf hin, dass diese Zellen auf Glukoseschwankungen reagieren und die Stoffwechselkontrolle verbessern können. „Einzelne klinische Studien zeigen bereits, dass transplantierte Zellen beim Menschen funktionell arbeiten können. In einigen Fällen wurde sogar eine Unabhängigkeit von externen Insulingaben erreicht“, so Ludwig.

Immunabwehr bleibt zentrales Problem
Eine der größten Herausforderungen bleibt die Immunreaktion des Körpers. Damit transplantierte Zellen nicht erneut angegriffen werden, verfolgen Forschende unterschiedliche Strategien. Einige Ansätze arbeiten mit einer systemischen Immunsuppression, andere mit Verkapselungen oder genetischen Veränderungen der Zellen.

Ziel ist, die Zellen vor dem Immunsystem abzuschirmen, ohne ihre Funktion einzuschränken. Dann könnten Patientinnen und Patienten langfristig auf Medikamente zur Unterdrückung der Immunabwehr verzichten. Noch fehlen jedoch belastbare Daten zur langfristigen Sicherheit und Stabilität der transplantierten Zellen. 

Hoher Aufwand begrenzt Einsatz
Zellbasierte Therapien sind derzeit technisch komplex und kostenintensiv. Herstellung, Qualitätskontrolle und Transplantation erfordern spezialisierte Verfahren. Deshalb dürften diese Therapien zunächst vor allem für Menschen mit einem schwer zu stabilisierenden Typ-1-Diabetes infrage kommen. Parallel dazu hat sich die Diabetestechnologie stark weiterentwickelt. Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung und automatisierten Insulinabgabe verbessern die Behandlung deutlich und senken die Zahl schwerer Unterzuckerungen. Dadurch verändert sich auch die Frage, für welche Patientinnen und Patienten invasive Therapien überhaupt notwendig sind.

Zwischen Fortschritt und offenen Fragen
Die bisherigen Ergebnisse gelten als wichtiger Schritt der translationalen Forschung, also der Übertragung von Erkenntnissen aus dem Labor in die klinische Anwendung. Zugleich bleiben zentrale Fragen offen: Wie dauerhaft wirken die transplantierten Zellen? Wie sicher sind die Verfahren langfristig? Und wie lässt sich die Therapie in eine bezahlbare Versorgung überführen? „Der stammzellbasierte Betazellersatz steht noch am Anfang der klinischen Anwendung“, sagt Ludwig. „Die bisherigen Entwicklungen zeigen jedoch, welches Potenzial diese Therapieansätze künftig haben könnten.“
Der 60. Diabetes Kongress der DDG beginnt offiziell am Mittwoch, den 13. Mai 2026, um 17.00 Uhr mit einer Eröffnungsveranstaltung (reine Präsenzveranstaltung). Das Kongressprogramm ist im Internet unter https://www.diabeteskongress.de abrufbar. Interessierte MedienvertreterInnen können sich online hier über die Kongress-Website anmelden. Die Pressemappe und den Mitschnitt der Vorab-Pressekonferenz finden Sie hier

Literatur:

Reichman TW, et al., VX-880-101 FORWARD Study Group. Stem Cell-Derived, Fully Differentiated Islets for Type 1 Diabetes. N Engl J Med. 2025 Sep 4;393(9):858-868. doi: 10.1056/NEJMoa2506549. Epub 2025 Jun 20. PMID: 40544428.

Carlsson PO, et al., Survival of Transplanted Allogeneic Beta Cells with No Immunosuppression. N Engl J Med. 2025 Sep 4;393(9):887-894. doi: 10.1056/NEJMoa2503822. Epub 2025 Aug 4. PMID: 40757665.

Wang S, et al., Transplantation of chemically induced pluripotent stem-cell-derived islets under abdominal anterior rectus sheath in a type 1 diabetes patient. Cell. 2024 Oct 31;187(22):6152-6164.e18. doi: 10.1016/j.cell.2024.09.004. Epub 2024 Sep 25. PMID: 39326417.