DDG Pressemitteilung

Investition in Gesundheit, Bildung, Inklusion und Zukunft: School Nurses schließen Lücken und schaffen Sicherheit

DDG unterstützt Bericht eines interdisziplinären Expertenbündnisses zu Schulgesundheitspflege
11.06.2026

Egal ob Atemnot beim Sport, Bauchschmerzen während des Unterrichts oder Schwindel bei Typ-1-Diabetes: Gesundheitliche Fragen gehören längst zum Schulalltag. Doch ob Kinder und Jugendliche in solchen Situationen fachlich qualifizierte Unterstützung erhalten, hängt in Deutschland noch immer stark von Bundesland, Schulstandort oder von einzelnen Modellprojekten ab. Ein heute veröffentlichter Expertenbericht zur Schulgesundheitspflege zeigt: Schulgesundheitsfachkräfte – international „School Nurses“ genannt – können Kinder mit chronischen Erkrankungen unterstützen, Gesundheitskompetenz vermitteln, Lehrkräfte entlasten, Eltern Sicherheit geben und Inklusion ermöglichen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) unterstützt die Forderung nach bundesweiten, gesetzlich verankerten und dauerhaft finanzierten Schulgesundheitsfachkräften/ School Nurses an allen Schulen. Auf der heutigen Pressekonferenz in Berlin wurde der Bericht vorgestellt und mit politischen Vertreterinnen und Vertretern diskutiert.

Etwa 14 Millionen Kinder und Jugendliche leben in Deutschland. Von ihnen haben rund 3,5 Millionen (jedes vierte Kind) einen speziellen Versorgungsbedarf – etwa durch Medikamente, therapeutische Unterstützung, funktionelle Einschränkungen oder emotionale und entwicklungsbezogene Probleme. Der aktuell veröffentlichte Expertenbericht „Verantwortung für die Zukunft von Kindern und Jugendlichen – Investment in die Schulgesundheitspflege/School Nursing“1 beschreibt, wie diese Situation auf ein Schulsystem trifft, das für medizinische und pflegerische Aufgaben nicht ausreichend aufgestellt ist. Lehrkräfte, Schulsekretariate und Eltern können den steigenden Bedarf an gesundheitlicher Unterstützung nicht dauerhaft auffangen. 

„Schule ist nicht nur Lernort, sondern auch Lebensort. Wenn dort gesundheitliche Unterstützung fehlt, betrifft das nicht nur die medizinische Sicherheit der Kinder, sondern auch ihre gesellschaftliche Teilhabe, Bildungschancen und den Familienalltag“, sagt Professorin Dr. med. Heidrun M. Thaiss, Professur für Health Promotion an der Technischen Universität München und Executive Director Medicine & Science der Felix Burda Stiftung. „Der Bericht zeigt: School Nursing ist ein alltagspraktischer wirksamer Beitrag moderner Präventionspolitik. Diese Profession ist eine dringend nötige Antwort auf steigende gesundheitliche, psychische und soziale Belastungen von Kindern und Jugendlichen. Und zudem noch effizient 

Deutschland ist bei der Etablierung von Schulgesundheitsfachkräften im internationalen Vergleich deutlich im Rückstand: Es gibt Modellprojekte und einzelne verstetigte Stellen, aber keinen flächendeckenden, verbindlichen Regelbetrieb. In vielen anderen Ländern und den meisten Privatschulen in Deutschland gehören School Nurses seit langem fest zum Schulalltag: In Schweden, Finnland, Irland, Norwegen, Großbritannien und den USA sind Schulgesundheitsfachkräfte seit Jahrzehnten dauerhaft etabliert. 

Diabetes im Schulalltag: Technik hilft, ersetzt aber keine Fachperson

Besonders deutlich wird der medizinische Unterstützungsbedarf bei Kindern mit Typ-1-Diabetes. Sie müssen auch während des Schultags Nahrungszufuhr, Bewegung und Insulindosierung aufeinander abstimmen. Gerade jüngere Kinder sind damit häufig überfordert. Lehrkräfte können und wollen diese Verantwortung in der Regel nicht übernehmen – sie gehört weder zu ihren Aufgaben noch sind sie dafür ausgebildet.

Moderne Technologien wie kontinuierliche Glukosemessung und Insulinpumpen erleichtern den Alltag zwar. Sie ersetzen aber keine qualifizierte School Nurse, die Symptome erkennt und einordnet, im Notfall handelt und Kinder im Umgang mit ihrer Erkrankung stärkt. Fehlt diese Unterstützung, müssen häufig Eltern einspringen – telefonisch, in ständiger Bereitschaft, durch Einschränkungen oder sogar Aufgabe des Berufs. „Diabetes macht keine Pause, auch nicht während Unterricht, Sport oder Klassenfahrt“, sagt Professor Dr. med. Andreas Neu, Kinderdiabetologe und langjähriges Vorstandsmitglied der DDG. „Kinder mit Typ-1-Diabetes brauchen Sicherheit, aber auch Normalität. Sie dürfen nicht vom Regelschulalltag ausgeschlossen werden, nur weil Zuständigkeiten ungeklärt sind.“

School Nurses entlasten Kinder, Eltern und Schulen

Schulgesundheitsfachkräfte/ School Nurses sind pflegefachlich qualifizierte Ansprechpersonen im Schulalltag. Sie versorgen akute Beschwerden und Verletzungen, begleiten Kinder mit chronischen Erkrankungen, stärken Gesundheitskompetenz und arbeiten im Team mit Lehrkräften, Eltern, Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, dem Öffentlichen Gesundheitsdienst sowie behandelnden Ärztinnen und Ärzten zusammen.

Damit schließen sie eine Lücke, die derzeit häufig Lehrkräfte, Schulsekretariate oder Eltern kitten müssen. „Schulgesundheitsfachkräfte nehmen Lehrkräften keine Aufgaben weg. Sie sorgen vielmehr dafür, dass jede Profession das tun kann, wofür sie ausgebildet ist“, sagt Birgit Pätzmann-Sietas, Vorstandsmitglied des Berufsverbandes Kinderkrankenpflege Deutschland e. V. „Das schafft Sicherheit für Kinder, entlastet Schulen und unterstützt Familien.“

Der Nutzen ist längst belegt – jetzt braucht es Regelstrukturen

Der Expertenbericht fasst internationale Studien, die Ergebnisse deutscher Modellprojekte und gesundheitsökonomische Analysen zusammen: So zeigt eine Erhebung an 24 Grundschulen in Rheinland-Pfalz nach 12 Monaten Verbesserungen bei der Gesundheitskompetenz um 75 Prozent, bei der Früherkennung gesundheitlicher Probleme um 90 Prozent und bei der Versorgung chronisch kranker Kinder um 88 Prozent.

Neben den medizinisch-pflegerischen Vorteilen entsteht auch ein messbarer ökonomischer Nutzen. In hessischen Gymnasien gingen Rettungswageneinsätze im Rahmen der Modellprojekte um 46 Prozent zurück, in Gesamtschulen um 64 Prozent. An Schulen mit School Nurse lagen die Heilbehandlungskosten pro Unfall im Durchschnitt 14 Prozent niedriger als an Vergleichsschulen. Für ein modelliertes Szenario bei Typ-1-Diabetes ergab sich in der Lebensverlaufsperspektive ein „Return on Invest“ von 1:35, bei einer psychischen Erkrankung von 1:43. Das heißt, jeder investierte Euro kann bis zu 35 bzw. 43 Euro gesellschaftlichen Nutzen erzeugen.

Auf Grundlage dieser deutlichen Erkenntnisse fordert das Expertenbündnis in seinem Bericht und heute auch auf der Pressekonferenz in Berlin eine bundesweit verlässliche, gesetzlich verankerte und dauerhaft finanzierte Schulgesundheitspflege. Dazu gehören einheitliche Qualifikationsstandards, klare Aufgabenprofile, rechtliche Sicherheit, wissenschaftliche Evaluation und eine enge Einbindung in multiprofessionelle Teams sowie den Öffentlichen Gesundheitsdienst.

Für die Finanzierung schlagen die Autorinnen und Autoren eine Mischfinanzierung durch Bund, Länder, Kommunen, Krankenkassen, Unfallkassen und Arbeitgeber sowie einen „Gesundheitspakt Schule“ nach Vorbild des DigitalPakts Schule vor. 

„Nicht zuletzt ist dies auch eine Frage der Versorgungsgerechtigkeit“, gibt Neu abschließend zu bedenken. „Gesundheit darf im Schulalltag nicht vom Zufall abhängen. Wer Inklusion ernst nimmt, muss medizinische und pflegerische Unterstützung mitdenken.“ Thaiss ergänzt: „Wir wissen, dass Schulgesundheitsfachkräfte sinnvoll, etablierbar und finanzierbar sind. Jetzt braucht es den politischen Willen, aus erfolgreichen Projekten eine verlässliche Regelstruktur zu machen. Frühe Prävention rechnet sich und beginnt in der Lebenswelt der Kinder –in der Schule.“

Bericht des interdisziplinären Expertenrats „Verantwortung für die Zukunft von Kindern und Jugendlichen – Investment in die Schulgesundheitspflege/School Nursing“ https://www.ddg.info/pressekonferenzen/pressekonferenz-zur-vorstellung-des-interdisziplinaeren-expertenberichts-schulgesundheitspflege-school-nursing