Mit Diabetes am Steuer: mehr Sicherheit und berufliche Teilhabe
BERLIN. CGM- und AID-Systeme, aber auch moderne Medikamente, die keine Hypoglykämien mehr hervorrufen, sorgen dafür, dass Menschen mit Diabetes im Straßenverkehr heute fast genauso sicher unterwegs sind wie Verkehrsteilnehmende ohne Diabetes. Das zeigt die S2e-Leitlinie „Diabetes und Straßenverkehr“, die der Ausschuss Soziales der DDG aktualisiert hat. Überholte Vorgaben in Beruf und Verkehr müssten nun daran angepasst werden, fordern Experten.
Zwar blieben für Menschen mit Diabetes während der Fahrt auftretende Hypos weiter das größte Risiko am Steuer, deren Zahl sei durch neue Technik, moderne Therapie und entsprechende Schulungen jedoch deutlich gesunken, erklärt Dr. Friedrich W. Petry, Mitautor der Leitlinie. Demnach bleibe das Unfallrisiko bei Diabetespatient*innen nur leicht erhöht im Vergleich zu anderen Erkrankungen wie ADHS oder obstruktiver Schlafapnoe (OSAS), die ein weitaus höheres Risiko für Unfälle mit sich brächten, so der Diabetologe am Medicum Wetzlar.
Die aktualisierte Leitlinie, deren Erstfassung vor neun Jahren veröffentlicht wurde, empfiehlt den Betroffenen weiterhin klare Alltagsregeln beim Fahren. Dazu zählt, dass sich die Betroffenen nur dann ans Steuer setzen sollten, wenn ihr Glukosewert entsprechend hoch ist. Menschen mit Diabetes, die ein CGM-System nutzen, wird dazu geraten, zu überprüfen, dass vor Fahrtantritt die Warnfunktionen ihrer Diabetestechnik aktiviert sind, und auch während der Fahrt die Trendpfeile im Auge zu behalten. Bei kritischen Werten empfiehlt die Leitlinie, die Fahrt zu unterbrechen und den Glukosewert zu stabilisieren.
Veraltete berufliche Vorgaben überdenken
Neben der Fahrsicherheit rückt die Leitlinie auch die berufliche Teilhabe verstärkt in den Fokus. Viele berufsbezogenen Vorgaben, die Menschen mit Diabetes bislang vom Zugang zu bestimmten Tätigkeiten ausschließen – wie bei der Polizei, der Feuerwehr oder im Flug- oder Schifffahrtsverkehr –, basieren laut dem Ausschuss Soziales der DDG auf „überholten Einschätzungen“. Diese stammten „aus einer Zeit, in der Glukosemessungen nur wenige Momentaufnahmen lieferten“, wie Dr. Wolfgang Wagener, Koordinator der Leitlinie und Vorsitzender des Ausschusses, betont.
Ein pauschaler Ausschluss allein aufgrund der Diagnose sei „medizinisch nicht mehr gerechtfertigt und daher diskriminierend“. Alle berufsrechtlichen Vorgaben und Regelwerke müssten nun überprüft und an den aktuellen Stand angepasst werden, vor allem auch aus volkswirtschaftlichen Gründen, fordert er. „Wir können es uns nicht erlauben, auf motivierte und einsatzfähige Arbeitnehmer*innen zu verzichten“, sagt Wagener.
Die Leitlinie empfiehlt daher, individuelle Risiken und Kompensationsmöglichkeiten wie Therapieform, Erfahrung im Umgang mit der Erkrankung, Nutzung von Warnsystemen und regelmäßige Schulungen stärker zu berücksichtigen.
Leitlinie setzt auf aktuelle Therapie und Technik Seit der Erstfassung der Leitlinie im Jahr 2017 hat sich die Diabetesbehandlung spürbar verändert, allein durch den vermehrten Einsatz von CGM- und AID-Systemen bei Typ-1-Diabetes. Die Systeme machen durch Trendanzeigen und Alarme kritische Glukosewerte viel früher erkennbar. Durch neue Arzneimittel wie SGLT2- oder DPP4-Hemmer, die keine Unterzuckerungen mehr auslösen, ist auch das Management des Typ-2-Diabetes verlässlicher. Die Leitlinie bündelt erstmals alle aktuellen Handlungsempfehlungen. Sie richtet sich an Menschen mit Diabetes, Diabetesteams, Behörden und Gutachter*innen und schafft eine verlässliche Grundlage für Beratung, Begutachtung und politische Entscheidungen. Eine Patientenleitlinie ist in Arbeit. |
Im Katastrophenschutz mit Diabetes? Das geht!
„Mit Disziplin, Verantwortung und moderner Technik kann ich meinen Alltag sicher gestalten – auch in Tätigkeitsbereichen, die hohe Konzentration verlangen“, sagt der Zollbeamte Jens Wicklein, der seit seinem 14. Lebensjahr Typ-1-Diabetes hat und seit vielen Jahren auch sicherheitsrelevanten Aufgaben nachgeht: Er fährt Lkw und Bus, arbeitet im waffentragenden Ermittlungsdienst. Daneben ist er seit über 30 Jahren in der freiwilligen Feuerwehr aktiv, inzwischen gibt er als Hauptbrandmeister Lehrgänge in Absturzsicherung und Atemschutz und ist berechtigt, Fahrzeuge, auch Drehleitern, zu führen. Zudem war er lange Zeit in der Grundausbildung der Feuerwehr tätig. Seit über zehn Jahren engagiert er sich überdies beim Deutschen Roten Kreuz – als Leiter einer Bereitschaft und als Zugführer im Katastrophenschutz. Mit der medizinischen Qualifiation eines Rettungssanitäters ist Wicklein auch befugt, einen Rettungswagen zu fahren.
Wie wird das Risiko durch Unterzuckerungen heute bewertet?
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„Vor einigen Jahrzehnten wäre vieles, was ich heute mache, kaum denkbar gewesen“, betont er. Durch die Warnsysteme von Pumpe und CGM fühlt er sich sicher und wehrt sich gegen althergebrachte Vorurteile, etwa dass Menschen mit Diabetes nicht belastbar seien, bestimmte Berufe nicht ausüben dürften oder ein Sicherheitsrisiko darstellten. „Einige Vorstellungen von Diabetes stammen aus einer Zeit, in der die Behandlung unzuverlässiger war.“ Doch die Technik allein reiche nicht aus, um den Diabetes erfolgreich zu managen, entscheidend sei auch die Selbstdisziplin. „Wir müssen täglich unsere Werte prüfen, Insulin anpassen, Arzttermine wahrnehmen, Ernährung und Bewegung im Blick behalten. Aber genau dieser erhöhte Aufwand macht uns leistungsfähig“, so der Zollbeamte. Sein Alltag wie auch der vieler anderer Betroffener zeige, „dass Diabetes kein Ausschlusskriterium mehr sein darf“.
Politik, Arbeitsmedizin, Berufsgenossenschaften und Unfallkassen müssten nun alle Eignungsgrundlagen auf den aktuellen Stand moderner Diabetologie bringen, erklärt Dr. Wagner. „Risikomanagement baut auf Kompensation“, führt er an, was heute beim Diabetes „nicht nur im Straßenverkehr, sondern auch in den einzelnen Berufs- und Tätigkeitsfeldern viel, viel besser und leichter denn je möglich“ sei. Die Leitlinie könne Menschen mit Diabetes nun neue berufliche Perspektiven eröffnen, so die DDG.
Angela Monecke