Adipositas: eine Krankheit mit Folgen

DDG stellt die Bekämpfung von krankhaftem Übergewicht in den Fokus

BERLIN. Adipositas betrifft etwa 16 Millionen Erwachsene und 800.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland. Eine leitliniengerechte Regelversorgung bei krankhaftem Übergewicht rückt jetzt in greifbare Nähe: mit dem DMP Adipositas und neuen vielversprechenden medikamentösen Optionen.

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Die Entscheidung im Juli 2020 gilt als Meilenstein: Die Anerkennung der Adipositas als eigenständige Krankheit durch den Bundestag. Eine interdisziplinäre Adipositastherapie beinhaltet heute die Ernährungs-, die Bewegungs- und die Verhaltenstherapie, den medikamentösen und den chirurgischen Ansatz. Die Adipositastherapie ist bislang aber immer noch „keine Regelleistung der Krankenkassen, sondern muss in der Regel individuell beantragt werden“, erklärte Prof. Dr. Jens Aberle, Kongresspräsident des Diabetes Kongresses 2022 und Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG). Dies erschwere eine leitliniengerechte Behandlung. 

Doch statt die zunehmende Adipositas-Prävalenz endlich zu stoppen, gehe die Anzahl der spezialisierten Adipositasbehandlungszentren seit Jahren zurück, kritisierte er. Entsprechende Versorgungsstrukturen müssten dringend geschaffen und die Aus- und Weiterbildung für „Adipositasspezialist*innen“ vo­rangebracht werden, so Prof. Aberle. Diese Forderung gelte für sämtliche therapeutischen Optionen. DAG und DDG haben hierzu ein Curriculum entwickelt, das Ärzt*innen und andere behandlungsrelevante Fachgruppen für die Adipositastherapie qualifiziert. 

DMP Adipositas: DAG und DDG aktiv beteiligt
Vielversprechend erscheint das geplante „DMP Adipositas“. „Doch es kommt, wie so häufig, auf die Ausgestaltung an“, betonte der Tagungspräsident. DAG und DDG hätten sich hier von Beginn an aktiv in den Prozess eingebracht. 
Prof. Dr. Matthias Blüher, Vorstandsmitglied und Mediensprecher der DAG, sprach von einer „großen Lücke“ zwischen den erzielbaren Effekten einer Gewichtsreduktion der konservativen Verhaltens- und der chirurgischen Adipositastherapie. Pharmakotherapien könnten hier weiterhelfen. 


Für die langfristige Therapie der Adipositas zugelassen sind derzeit Orlistat, Liraglutid 3,0 mg, Naltrexon/Bupropion und Semaglutid 2,4 mg, die man gut einsetzen könne, sofern man die Kon­traindikationen beachte. „Die medikamentöse Therapie der Adipositas ist zwar leitliniengerecht, wird aber in Deutschland kaum eingesetzt“, erklärte er. Medikamente für stark Übergewichtige seien hierzulande nicht zulasten der Kassen erstattungsfähig –  eine große Hürde für Betroffene und Behandler*innen. Auch die mittleren Effekte bisheriger Medikamente zur Gewichtsreduktion seien nur moderat stärker als die der Verhaltenstherapie, so Blüher.

Neue Studienergebnisse zur Medikation
Dies könnte sich jetzt aber ändern, was aktuelle Studienergebnisse der STEP-Studien zu Semaglutid 2,4 mg und der SURMOUNT-1-Studie zu dem dualen GLP-1- und GIP-Rezeptoragonisten Tirzepatid (5 mg, 10 mg und 15 mg) jeweils einmal wöchentlich in der Adipositastherapie zeigten (siehe S. 14). Auch wenn diese Studien keinen direkten Wirksamkeitsvergleich zu anderen Adipositasmedikamenten zuließen, sei doch die mittlere Gewichtsreduktion von circa 17 Prozent bei Semaglutid 2,4 mg nach 68 Wochen und bis zu 22,5 Prozent für Tirzepatid 15 mg nach 72 Wochen mehr als doppelt so hoch wie mit bisherigen Medikamenten zur Gewichtsabnahme, sagte er. Damit könnten Semaglutid und künftig Tirzepatid bei Patient*innen mit besonders gutem Ansprechen auf die inkretinbasierte Adiposi­tastherapie erstmals dazu beitragen, die therapeutische Lücke zwischen Verhaltensintervention und chirurgischer Therapie zu schließen. FDA und EMA haben Semaglutid 2,4 mg einmal wöchentlich zur Adipositastherapie bereits zugelassen, die Markteinführung in Deutschland steht noch bevor. 

Als Folgekomplikation von Diabetes bzw. Übergewicht gelten zunehmend auch Krebserkrankungen. Karzinome sind mittlerweile die Haupttodesursache beim Typ-2-Diabetes (siehe S. 12).

Angela Monecke 
Diabetes Kongress 2022