Unüberschaubarer Markt, wenig Evidenz

Supplemente und Nahrungsergänzungsmittel: Wann sind sie sinnvoll, wann nicht?

MANNHEIM. „Eine gesunde Ernährung ist entscheidend für eine optimale Gehirntätigkeit", betonte Professor Dr. André Kleinridders. Die neuen WHO-Daten zu den steigenden Zahlen von Übergewicht und Adipositas verdeutlichen, wie viel zu tun ist, um dieses Ernährungsziel zu erreichen.

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Die Ernährungsforschung hat mittlerweile gezeigt, dass eine unausgewogene Ernährung die Insulinwirkung im Gehirn reduziert. Und das hat Auswirkungen nicht nur auf den Stoffwechsel und die Kognition, sondern ebenso auf die emotionale Verfassung. „Eine Erhöhung der Insulinsensitivität des Gehirns ist für das psychische Wohlbefinden unerlässlich", erläuterte Prof. Kleinridders, Universität Potsdam. Erreichen lassen sich eine verbesserte Insulinsensitivität und Emotionalität nach seinen Worten durch eine pflanzenbasierte Ernährung mit hohem antioxidativem Potenzial, gesunden Fetten und hohem Ballaststoffanteil (z. B. mediterrane Diät), intermittierendes Fasten oder die Unterstützung des Darmmikrobioms (z. B. durch Probiotika).

Makulapigmente bei diabetischer Neuropathie
Professor Dr. Thomas Skurk, TU München/Freising, erläuterte, dass eine ballaststoffreiche Ernährung vor der Anreicherung von Advanced Glycation Endproducts (AGEs) schützt. Dies sei im Hinblick auf Diabetes, kardiovaskuläre Gesundheit, Hautalterung und Nierenschutz relevant. „Die Evidenz dafür ist meiner Meinung nach mittlerweile gut fundiert, gerade auch, was Beta-Glucane betrifft."

Bei diabetischer Retinopathie können Karotinoide wie Lutein, Zeaxanthin und Mesozeaxanthin, die auch als Makulapigmente bezeichnet werden, positiv wirken und u. a. oxidativen Stress im Auge reduzieren. In den USA sei deshalb eine Lutein-Zeaxanthin-Kapsel zur täglichen Prävention und Therapie der diabetischen Retinopathie zugelassen. In Bezug auf Selen sprachen beide Referenten eine Warnung aus: Beide betonten das „kleine therapeutische Fenster" des Mikronährstoffs. Bei einem Selenmangel sei eine Supplementierung sinnvoll, aber überdosiertes Selen sehr toxisch. Eine Überversorgung mit Selen könne zudem die Insulinsensitivität herabsetzen und das Risiko für Typ-2-Diabetes (T2D) erhöhen.

Vitamin-B12-Spiegel unter Metformin regelmäßig prüfen
Viele Menschen mit T2D „interessieren sich für Nahrungsergänzungsmittel oder funktionelle Lebensmittel", sagte Prof. Skurk. Etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung nehme Nahrungsergänzungsmittel ein, die insbesondere für Menschen mit T2D in Apotheken, Drogerien und Supermärkten angeboten werden. Aber gibt es eine wissenschaftliche Evidenz dafür? Gemäß den DDG Praxisempfehlungen sollten Menschen mit T2D ihren Nährstoffbedarf durch eine ausgewogene Ernährung decken. Eine Routine-Supplementation mit Mikronährstoffen wird nicht empfohlen. Eine Ausnahme besteht bei (Hochdosis-)Metformintherapie, da in diesem Fall die Vitamin-B12-Versorgung defizitär sein kann.

Lebensmittel aus dem 3D-Drucker
„Die Effekte von NEM beim Diabetesgeschehen sind allenfalls klein", urteilt Prof. Skurk, „obwohl isolierte Nährstoffe vereinzelt eine Modulation des Krankheitsrisikos andeuten." Der individuelle Metabolismus sei jedoch hochkomplex und zeige altersabhängige Veränderungen. Die Entwicklung innovativer Produkte, z. B. nährstoffangereicherte Lebensmittel aus dem 3D-Drucker, hält er für eine gute Option, um die Entscheidung für eine gesunde Lebensmittelauswahl zu unterstützen. Dadurch könnten z. B. Menschen in Pflegeeinrichtungen eine appetitlich angerichtete Kost erhalten, die ihren Nährstoffbedarf deckt.

Auch bei nachgewiesenem Vitamin-D-Mangel sollte gegengesteuert werden – eine gezielte Supplementierung kann die Insulinresistenz verbessern. Als „unüberschaubaren Markt" bezeichnete Prof. Skurk das Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln (NEM). Sehr zur Erheiterung des Auditoriums empfahl er die perfekte Zubereitung eines Espressos, der evidenzbasiert – aber möglicherweise biasverzerrt – das Diabetesrisiko senken könne.

Dr. Karin Kreuel

Diabetes Herbsttagung 2025