Das Gesundheitssystem – ein chronischer Patient
BERLIN. Allein 2027 sollen im Gesundheitswesen rund 20 Milliarden Euro eingespart werden. So wichtig und richtig diese Reform ist – kann sie nicht auch die diabetologische Versorgung gefährden? Darüber wurde während des Parlamentarischen Abends von diabetesDE diskutiert.
Während der Podiumsdiskussion „Menschen mit Diabetes beteiligen und stärken" kamen erhebliche Zweifel auf, ob die Einsparungen im Gesundheitswesen nicht die Versorgung der Menschen mit Diabetes dramatisch gefährden könnten. Schon jetzt ist eine wohnortnahe ambulante wie stationäre qualitätsgerechte diabetologische Versorgung nicht flächendeckend gewährleistet. Vier Vertreter*innen der Diabetes-Community untermauerten dies mit ihren ganz persönlichen Erfahrungen. Konsens des Parlamentarischen Abends war, dass bei allen Einsparungen viel mehr in die sektorenübergreifende Digitalisierung, vor allem in Videosprechstunden und Telemedizin, investiert werden müsste, um die Qualität der Versorgung aufrechterhalten zu können.
„Das Gesundheitssystem ist ja inzwischen selbst zum chronischen Patienten geworden. Es müsste fühlen können, was es heißt, in diesem System ein Mensch mit Diabetes zu sein, der mindestens alle Vierteljahr wegen der engmaschigen Betreuung zum Arzt muss. Bei aller notwendigen Reform darf zudem nicht vergessen werden, dass hinter jeder Diabetes-Erkrankung nicht nur Zahlen und Werte stecken, sondern ein Mensch, den wir individualisiert versorgen sollten", mahnte Dr. Jens Kröger, Vorstandsvorsitzender der gemeinnützigen Organisation diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe.
Alle sind sich einig: Wichtig ist die individualisierte Versorgung
Dem pflichteten die anwesenden Patient Voices der Diabetes-Community mit ihren Erfahrungen über die diabetologische Versorgung bei: Conny Doll, die mit Typ-1-Diabetes, und Daniel Lensing, der mit Typ-2-Diabetes lebt, kritisierten den Kampf um Insulinpumpen bzw. Schulungen; Sabrina Schmidt (Typ-1-Diabetes) forderte mehr geschlechterspezifische Therapie und Susanne Fitza, Mutter einer Tochter mit Typ-1-Diabetes, bemängelte die fehlende Inklusion und bundesländerspezifische Unterschiede von Pflegegraden und Betreuungsunterstützung. Alle vier „Lautsprecher*innen" der Kampagne #SagEsLaut #SagEsSolidarisch erhielten für ihre vorgetragenen Forderungen viel Applaus.
Elektrifizierung – aber noch keine echte Digitalisierung
„Wir haben bislang eine Elektrifizierung, aber keine echte Digitalisierung in der Diabetologie", beklagte Dr. Tobias Wiesner, Vizepräsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), den aktuellen Stand. Dem pflichtete Dr. Christian Graf bei. Der Geschäftsbereichskoordinator Versorgung von der Barmer mahnte, dass es viel zu wenig Telemedizin und Videosprechstunden in Deutschland gäbe und es von „gesundheitspolitischer Ignoranz" zeuge, wenn nur 34 % der Menschen mit Typ-2-Diabetes eine Schulung bekämen. Dr. med. Kirsten Kappert-Gonther (MdB, Die Grünen) pflichtete allen Aussagen bei und ergänzte einen ganz neuen Aspekt: „Versorgung ist demokratierelevant. Wenn die Menschen gesundheitlich nicht gut versorgt sind, stärkt dies die Wutpolitik."
Die Schirmherrschaft des Abends hatte die CDU-Politikerin Simone Borchardt übernommen, die allerdings genau wie ihre Parteikollegin Dr. Maria-Lena Weiss sowie der SPD-Politiker Serdar Yüksel verhindert war: Kurzfristig war parallel eine Sitzung mit Anwesenheitspflicht der Arbeitsgemeinschaften Gesundheit beider Regierungsparteien zu den 66 Maßnahmen der FinanzKommission Gesundheit angesetzt worden.
Unterstützt wurde der Abend von den Unternehmen Abbott (Hauptsponsor) sowie Dexcom, Essity, IKK classic und Lilly. Wissenschaftlicher Partner war die DDG.
Nicole Mattig-Fabian
Parlamentarischer Abend diabetesDE
Fakten und Forderungen, erstellt von diabetesDE und Vertreter*innen der #SagEsLaut-Kampagne