Voneinander und aus Fehlern lernen

Beim DFS wird multiprofessionell und interdisziplinär zusammengearbeitet

BAD MERGENTHEIM.  Die interdisziplinäre Zusammenarbeit stand während der Jahrestagung der AG Diabetischer Fuß im Vordergrund. Erstmals waren Orthopädieschuhmacher*innen dabei. Die über 300 Teilnehmenden vor Ort lernten miteinander, voneinander – und aus „Pleiten, Pech und Pannen“.

Foto: AG Diabetischer Fuß

Was waren die wichtigsten Impulse der Jahrestagung? Und was muss in der Therapie und Versorgung des Diabetischen Fußsyndroms (DFS) verbessert werden? Tagungspräsident Dr. Karl Zink, Oberarzt an der Diabetes Klinik Bad Mergentheim, und Dr. Michael Eckhard, Sprecher der AG Diabetischer Fuß der DDG, Chefarzt der GZW Diabetes-Klinik Bad Nauheim und Leiter des Universitären Diabeteszentrums Mittelhessen in Gießen, ziehen Bilanz.

diabetes zeitung (dz): Was ist der häufigste Irrtum in Bezug auf Diabetes und Fußerkrankungen?

Dr. Karl Zink: Der häufigste Irrtum ist immer noch, dass die Patienten mit Diabetes denken: Ich habe Diabetes und deswegen heilen meine Wunden schlecht. Mittlerweile ist gut untersucht, dass der aktuelle Blutzucker mit der Wundheilung so gut wie nichts zu tun hat, sondern dass oft das Wesentliche ausbleibt, und das ist die Druckentlastung und danach zu schauen, dass die Durchblutung ausreichend gut ist.

Dr. Michael Eckhard: Ein Irrtum ist auch zu denken, das Diabetische Fußsyndrom sei nur eine Wunde am Fuß eines Menschen mit Diabetes. Das ist es nicht. Es ist ein eigenständiges Krankheitsbild mit ganz eigenen Mustern und Problemfeldern, die es unbedingt zu adressieren gilt. Und deshalb bedarf es auch nicht nur einer Wundbehandlung.

dz: Mit Blick auf die Jahrestagung: Was kommt Ihnen in den Sinn?

Dr. Karl Zink: Dieses Jahr hatten wir das erste Mal 60 Orthopädieschuhmacherinnen dabei, die die neue Weiterbildung Orthopädieschuhmacherin DDG durchlaufen haben und während der Tagung einen Fall aus ihrer täglichen Arbeit präsentieren durften und mussten. Demnächst bekommen alle ihre Ernennungsurkunde. Jetzt können wir unseren Patienten Orthopädieschuhmacher nennen, von denen wir wissen, dass sie eine gute und fundierte Ausbildung genossen haben – wir wissen sie dort in guten Händen. 

Ansonsten war die Tagung sehr gut besucht. Wir hatten über 300 Teilnehmende vor Ort und 70 bis 80 im Online-Stream. Auch die Workshops waren alle gut besucht. Es waren praxisorientierte Workshops, in denen Neueinsteiger z. B. lernen konnten, wie man einen Gips anlegt oder an das Filzen zur Druckentlastung herangeführt wurden. Diejenigen, die schon ein bisschen länger dabei sind, konnten an einem Dummy üben, zu Tenotomieren, also die Beugesehne zu durchtrennen.

Dr. Michael Eckhard: Es war eine tolle Atmosphäre und die Tagung hatte einen sehr familiären Charakter. Wir sind eine multiprofessionell und interdisziplinär zusammengesetzte AG. Der Austausch vor Ort, sich zu kennen, sich weiterzuentwickeln und voneinander zu lernen – das ist das Allerwichtigste. 

Natürlich gab es sehr gute Vorträge, und es geht auch immer um die strukturelle Weiterentwicklung der Versorgung. Wir dürfen da nicht stehenbleiben! Wir zertifizieren seit über 22 Jahren Fußbehandlungszentren. Aber leider muss man feststellen, dass die Versorgung a) nicht flächendeckend ist und wir b) viel zu wenige sind. Das hat im Wesentlichen damit zu tun, dass es keine deutschlandweiten Vergütungsstrukturen gibt. Im stationären Bereich sowieso nicht, aber auch in vielen kassenärztlichen Versorgungsgebieten ist die Versorgung rein ideell, weil Angehörige verschiedenster Professionen sagen: Uns ist das wichtig, wir machen das. Aber die Nachhaltigkeit wird erst kommen, wenn wir die unbedingt nötigen Vergütungsstrukturen haben. 

Für den stationären Bereich haben wir gerade beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte einen Antrag für eine Komplexpauschale Diabetischer Fuß eingereicht. Damit soll sich die Vorhaltung von Behandlungsstrukturen für eine schnelle und zeitnahe optimierte Versorgung auch tatsächlich in den Krankenhäusern wiederfinden. Das ist derzeit nicht so. Sie können mit ihrem diabetischen Fuß in ein x-beliebiges Krankenhaus in Deutschland gehen. Irgendwas wird dort auch irgendwie behandelt und die Leistung wird abgerechnet, egal, ob eine Struktur vorhanden ist oder nicht.

dz: Was waren für Sie die wichtigsten Impulse der Tagung?

Dr. Karl Zink: Wir haben immer das Problem, dass wir Patienten haben, die keine Schmerzen empfinden, obwohl sie eine schwere Durchblutungsstörung haben. Da ist immer die Frage: Wann muss ich intervenieren und wann eher zuwarten? Dazu gab es eine gute Pro/Contra-Diskussion, bei der ganz klar herauskam: Ja, es ist anscheinend doch besser, zuzuwarten und wirklich erst zu intervenieren, wenn tatsächlich ein Problem da ist, wenn also wieder eine Fußwunde aufgetreten ist. Trotzdem muss man natürlich immer den Einzelfall betrachten… Gut waren auch die vier Sessions zu „Pleiten, Pech und Pannen“, in denen wir Fälle vorgestellt haben, bei denen wir etwas übersehen haben, wo wir Fehler gemacht haben.

Dr. Michael Eckhard: Hinterher sind wir häufig schlauer, aber die Entscheidungen müssen wir prospektiv treffen. Dabei wird uns in Zukunft durchaus KI helfen können, aber die richtige Entscheidung für den individuellen Patienten vor Ort wird unsere Verantwortung bleiben. Ich glaube, es ist eindeutig, dass wir die Session „Pleiten, Pech und Pannen“ regelmäßig anbieten und erweitern werden, sodass dann z.B. ein Orthopädieschuhmacher, eine Podologin, eine Wundassistentin einen Fall vorstellen. Wir wollen die Fehler nicht verschweigen, sondern aus ihnen lernen.

Podcast O-Ton Diabetologie mit Dr. Eckhard und Dr. Zink
Neugierig auf das komplette Interview? Dann hören Sie sich die Podcast-Folge mit Dr. Karl Zink und Dr. Michael Eckhard in voller Länge an und erfahren Sie noch mehr über Wundversorgung, Entscheidungsfindung, Fehlerkultur und Versorgungsstrukturen.

Interview: Nicole Finkenauer und Günter Nuber

Jahrestagung der AG Diabetischer Fuß